Es ist eine Scheiß-Situation

Im Einsatz für das Team ÖsterreichEs hat drei Grad. Es ist feucht und kalt und grauslig. Und da stehen die Leute vom Team Österreich am ehemaligen Euroshopping-Gelände und müssen entscheiden, ob der Flüchtling vor ihnen eine Decke bekommt oder nicht. Er sagt, seine Decke, die er wie alle anderen bei Ankunft im Transitlager in Graz-Webling bekommen hat, wäre weg. Gestohlen, verloren oder von ihm selbst versteckt; wir wissen es nicht und können es nur schwer nachprüfen. Erwartet werden noch etwa tausend Flüchtlinge in dieser Nacht, alle brauchen etwas, um sich zuzudecken. Entweder er bekommt jetzt eine Decke oder jemand von den später ankommenden Leuten bekommt keine. Wir, die Helfer vom Team Österreich, diskutieren miteinander, weil wir uns nicht einig sind.

 

Es ist eine Scheiß-Situation, wenn man über sowas entscheiden muss.

Wir entscheiden schließlich gegen den Flüchtling. Das Rote Kreuz wird uns später in dieser Entscheidung zustimmen. Es tut allen weh. Vor allem, weil wir teilweise Menschen mit drei Decken schlafen sehen, ihnen diese Decke nicht wegnehmen können, weil sie benutzt sind und ohnehin gewaschen werden müssten.

Die ganze Situation ist beschissen. Wir sind Tag und Nacht am Gelände, geben Essen aus, sammeln Handtücher ein, machen Duschendienst, putzen Teebottiche, desinfizieren Feldbetten, reden mit den Menschen, die aus Syrian, Afghanistan und einigen afrikanischen Staaten kommen und können ihnen nicht sagen, wie es weitergehen wird. Wir wissen es selbst nicht.

Die Soforthilfe funktioniert. Die Helfer ebenso wie die geflüchteten Menschen funktionieren. Die Ausgabe von Essen und Kleidung läuft in der Regel ruhig und geordnet ab. Wer zum ersten Mal beim Transitlager als Helfer dabei ist, ist erstaunt, wie ordentlich alles funktioniert.

Die Helfer vor Ort tun alles, damit das so bleibt. Ich versuche, immer zu lächeln und ein paar Worte Farsi und Arabisch zu lernen. Pute, Fisch, danke, bitte. Die meisten Leute sind sehr freundlich. Ein paar mürrische oder gar freche Menschen sind auch dabei. Denen klopfe ich auf die Finger, wenn sie beim Frühstück selbst in meine Brotbox oder die Kiste mit der Wurst greifen wollen. Die Helfer haben gelernt, sich zu behaupten. Zu erziehen. Dann funktioniert’s auch mit den komplizierten Zeitgenossen.

 

Einmal habe ich eine Schlägerei gesehen.

Es war am frühen Morgen vor der Halle, in der das Essen ausgegeben wird. Eine Helferin rief zu den Polizisten, die ebenfalls gerade Frühstück essen: „Seids ihr für Schlägereien auch zuständig?“ Die Polizisten sprangen auf, eilten durch den Essenssaal zum Eingang der Halle. Aber noch bevor sie dort waren, um zu deeskalieren, war der Tumult auch schon wieder wieder vorbei. Andere Flüchtlinge und Asylwerber, Dolmetscher und die Security-Leute haben schnell für Ruhe gesorgt.

Die Leiterin der Feldküche hat uns Team-Österreich-Helfern gesagt, wir sollen, wenn eine Situation eskaliert, alles stehen und liegen lassen und in den sicheren Bereich nach hinten in die Küche kommen. Das sei eine Situation, sagt sie, die geht uns nichts an. Auch die Einsatzleiterin bläut uns ein, dass wir bei Durchsage des Notfall-Codeworts („Biene Maja“) das Gelände zu verlassen haben. Richtung Weblinger Kreisverkehr oder zum Grillweg.

Aber Angst hatte ich trotzdem noch nie während meinen Hilfseinsätzen. Passiert ist mir auch noch nie etwas, nicht mal annähernd. Auch wenn manche Halbstarke irgendwas daherraunen, mit ihren Kumpels grinsen, mich anschauen und lachen, habe ich keine Angst. Ich grinse zurück. Wenn einige Leute lauter werden, weil sich jemand vordrängen will, rufe ich „go to the back of the line!“. Es regelt sich das Meiste von selbst, sonst weisen wir die Männer, Frauen und Kinder – bis jetzt immer erfolgreich – zurecht.

 

Ich habe Freude am Helfen, aber was ich sehe, geht mir auch nahe.

In einer entspannteren Stunde um 2:00 Uhr früh, nach Küchenschluss, sitze dem Team-Österreich-Helfer mit dem Roten Kreuz, der Polizei und den Dolmetschern zusammen. Wir trinken picksüßen Tee und knabbern trockenes Toastbrot. In einem Container kocht seit Stunden Erdbeersauce für Topfknödel.

Wir lachen viel, das brauchen wir, glaube ich, zum Runterkommen. Aber wir sprechen auch sehr ernst. Wie wird die langfristige Betreuung ausschauen? Werden sich auch zukünftig genug Helfer finden, die auch die Integration der Asylwerber unterstützen? Werden die Asylprozesse sich weiterhin ewig hinziehen? Gibt es noch Politikerinnen und Politiker mit Eiern in der Hose?

Ich helfe gerne, es macht mir Freude, mit Menschen zu arbeiten und neue Menschen kennen zu lernen.

Zum Beispiel den Boxer aus Syrien, der perfekt Englisch spricht und von seinen Freunden in der Heimat erzählt.

Die alte Frau mit tätowiertem Gesicht, die weder mich versteht noch ich sie, aber wir lachen und klopfen uns gegenseitig auf die Schulter, als ich ihr versuche mit Hand und Fuß zu erklären, wie das bei den Duschen läuft.

Oder den Dolmetscher aus Ägypten, der sehr mitfühlt mit den Flüchtlingen – fast zu viel.

Die Bauingenieurin, die ich schon bei meinem ersten Team-Österreich-Einsatz getroffen habe und mit der ich die halbe Nacht über Männer, Ausbildung und Ernährung rede und herzhaft lache.

Der junge Bundesheer-Rekrut mit tunesischen Wurzeln, der als Dolmetscher arbeitet und uns erklärt, was halal wirklich bedeutet.

Der Polizist mit der Heizweste, der eigentlich Verkehrspolizist ist und mit uns herumalbert und Schmankerl aus seinem Beruf erzählt.

Der 16-jährige Syrer, der seine Familie in Spielfeld aus den Augen verloren hat und dem ich versuche mithilfe eines anderen Flüchtlings, der spontan dolmetscht, zu helfen.

Das kleine afghanische Mädchen, das voller Freude beim Einsammeln der Decken hilft und lachend versucht, den riesigen Handtuch-Trolley zu schieben.

Der Koordinator des Team Österreich, der fast jeden Tag dort ist, obwohl er auch nur freiwilliger Helfer ist.

So schwankt die Stimmung: Manchmal spürt man die „Scheißigkeit“ der Situation mehr, fühlt Verzweiflung. Manchmal einfach nur Freude und Zufriedenheit, wenn einem eine wildfremde geflüchtete Frau während dem Desinfizieren der Feldbetten auf die Schulter klopft und „good, good, thank you!“ sagt.

Manchmal sitze ich beim Heimfahren im Auto und kämpfe mit Tränen, mit Schluchzern. Das ist wie ein kurzer Anfall. Ich bin müde, erschöpft, zermürbt von den ganzen hetzerischen Aussagen von empathielosen Raunzern, die ich immer wieder lese.

Dann sitze ich wieder mit diesen interessanten, tollen Menschen zusammen, lache und tausche Gedanken aus und spüre unsere Tatkraft. Dann glaube ich wieder, dass wir diese Scheiß-Sitaution gemeinsam irgendwie bewältigen können.

Anmerkung: Ich war bis jetzt mehrere Male als Mitglied des Team Österreich im Transitlager im ehemaligen Euroshopping. Dieser Beitrag ist eine Zusammenschrift meiner Erlebnisse und Gespräche vor Ort.