Schimmelige Hosen

Ankunftszeit 15:20. Vorname, Nachname, Telefonnummer. Qualifikationen, gesprochene Sprachen: Französisch. „Ich glaub nicht, dass einer hier Französisch spricht“, sagt der junge Mann an der Freiwilligenregistrierung. „Man weiß ja nie“, entgegne ich. Kathi und ich fragen, wo wir dieses Mal gebraucht werden, und man schickt uns zu Sachspendenausgabe. In der Halle sehen wir schon, wie sich die Menschen um die beiden Ausgabetische drängen. Frauen und Kinder auf der einen Seite, Männer auf der anderen.

Wir verlassen die Schwarzlhalle und gehen nach hinten zur Sachspendenausgabe. Der Platz vor der Halle ist gefüllt mit Kindern auf Dreirädern, auf Scootern und mit Bällen, sie spielen ausgelassen. Männer und Frauen reden, telefonieren und rauchen. Sie trotzen dem kalten Herbstwind.

Das ganz normale Chaos

Zwei Security-Männer lassen uns durch den Baustellenzaun nach hinten zu den Zelten mit den Sachspenden. Wir treten durch die Tür zur Halle gegenüber der Zelte, wo sich unzählige Kleiderspenden in Umzugskartons türmen. Kathi kennt sich aus, sie hat schon bei der Sachspendenausgabe geholfen. Ich folge ihr nach hinten zu den Hygieneartikeln. Dort sitzt ein Mädchen, das ein aus Malerkrepp und Edding gebasteltes „Innenchefin“-Schild an der Brust trägt. Wir fragen sie, was wir tun können. „Helft den Leuten, die richtigen Sachen zu finden, vor allem bei den Männersachen.“ Was wir wo finden, müssen wir selbst erst herausfinden.

Männer und Frauen wuseln herum, manche tragen rote Samariterbund-Westen, andere orange und gelbe Westen – das sind die Dolmetscher. Es ist ein Gewühle, ein Gedränge. Die Gänge zwischen den Biertischen, auf denen und unter denen sich die unzähligen Kleidungsstücke stapeln, sind eng. „Ich brauche eine Jacke in Small.“ – „Badeschlapfen, haben wir Badeschlapfen?“ – „Eine Hose, Größe 36!“ Ich versuche, mich zurechtzufinden. Die Kartons sind beschriftet, hier haben die Helfer in den vergangenen Tagen ein gutes System hineingebracht. Was nicht heißt, dass die Ordnung immer hält. Ich finde XXL-Jacken über den Socken-Karton geworfen, Strumpfhosen in der „Männer-Jacken-Small“-Box und immer wieder einzelne Schuhe am Boden. Irgendwann schaffe ich es dann, mir zu merken, was wo ist.

Aufräumen, einräumen, wegschmeißen

Bei einigen jungen Männern bin ich mir nicht sicher, ob sie Kleidung für die Ausgabe suchen oder für sich selbst. Oder ob sie beides tun – also Dolmetschen und sich dafür ein paar Dinge selber suchen. Ich weiß auch nicht, ob das für die Verantwortlichen OK ist, vielleicht sogar abgesprochen – es gibt zwar eine Einsatzleiterin, aber wo sie ist, weiß gerade niemand.

Neben den Leuten, die nach Gewand für die Ausgabe fragen, kommen immer wieder Helfer, die neue Spenden bringen und denen ich beim Einräumen helfe. Es sind Boxen voller Kleidung. Vieles wunderbar, vieles einfach unbrauchbar: Ein Hose, im Schritt aufgerissen. Komplett verdreckte Strumpfhosen. Vergilbte Unterhosen, geschätzte 20 Jahre alt. Damen-Oberteile mit tiefem Ausschnitt und Strass. Mein persönliches Highlight: Verschimmelte Hosen. Ob der Schimmel schon vorher da war oder erst in der Box entstanden ist, die im Außenlager wohl einige Zeit gelegen hat, weiß man nicht. Jedenfalls kommt alles in einen der großen schwarzen Müllsäcke, die mittlerweil fast an jedem Tisch hängen.

Wilde Frauen

„One line, make one line, please!“, höre ich die Helfer bei er Männerkleidungsausgabe rufen. Es kommt dort immer wieder zu Diskussionen mit einzelnen Asylwerbern. Sie wollen andere Schuhe, andere Hosen, andere Jacken, weil die ausgegebenen Stücke in ihren Augen nicht passen.

„We are no supermarket!“, höre ich eine der Frauen schimpfen. Sie weigert sich, noch ein anderes paar Hosen zu bringen, weil der „Kunde“ keinen Gefallen am vorherigen gefunden hat. Ich werde gebeten, ein Paar Schuhe in Größe 43 zu bringen. In den Boxen finde ich alte Wanderschuhe, die nach Schweißfüßen und vielen Höhenmetern müffeln. Ich bringe sie nach vorne. Der Empfänger, ein älterer Herr mit Brille, bedankt sich, nickt und ist weg. Es gibt auch viele wie ihn, die nehmen, ohne zu diskutieren.

Bei den Frauen geht’s offenbar viel mehr zu. Die Stimmen sind aufgeregter, die Diskussionen lauter und energischer. Jemand hält ein paar Stiefel aus einem der Kartons hoch und etliche Hände der Asylwerberinnen jenseits des Ausgabetisches schnellen nach oben, begleitet von lautem Geschrei. Irgendwer wirft ein Kleidungsstück in die Menge. „Die schieben den Tisch immer weiter ins Lager!“, sagt jemand beim Vorbeigehen. Ich bin froh, dass ich bei der Männerkleidung bin.

Irgendwann muss die junge Innenchefin gehen. Sie gibt mir ihren Posten weiter – sprich, ich bekomme das Malerkrepp-Schild auf meine Warnweste geklebt. Was ich jetzt zu tun habe, frage ich. „Einfach schauen, das alles passt und wenn wer was tut, was nicht passt, schimpfen.“ Aha.

Pause

Die Sachspendenausgabe schließt früher als geplant. Der Ansturm ist so groß gewesen, dass irgendwann die Rollläden runtergelassen werden mussten. Für die Helfer bedeutet das eine kurze Pause. Ich setze mich hinter die Babycremen und Kinderzahnbürsten, trinke aus einer Flasche Wasser und esse eine Packung Mannerschnitten, die irgendjemand gespendet hat.

Eine junge Frau lässt ihrem Frust freien Lauf: „Wie kann es sein, dass die einfach nicht aufhören, nach was anderem zu fragen? Haben die keine anderen Sorgen? Wenn ich schon die fünfte Jacke bringe, und die passt immer noch nicht, weil sie nicht so schön aussieht, dann kann ich auch nichts mehr tun.“ Eine andere erwidert: „Man darf nicht ungerecht sein, die Leute haben nichts mehr anderes, über dass sie sich ausdrücken oder ihre Persönlichkeit irgendwie zeigen können.“ Und: „Sie sehen die Berge an Kleidung und denken sich, dass wohl noch mehr drin sein könnte.“

Ich weiß nicht, ob ich es nicht auch so machen würde. Vielleicht ja. Vielleicht nein. Vielleicht würde ich mir auch eine Warnweste schnappen und für mich und meine Familie etwas suchen. Ich will’s nicht herausfinden.

Wir reden auch über den Mangel an Helfern, der gerade herrscht. Viele Menschen wollen nicht mehr kommen, weil für die Asylwerber, die nun in der Halle untergebracht sind, ja eigentlich der Bund zuständig ist und zahlen sollte. Der nun die von den Freiwilligen aufgebauten Strukturen einfach ohne Wertschätzung übernimmt. Das stößt vielen sauer auf. Ich kann’s verstehen, aber ich habe das Gefühl, dass ohne freiwillige Helfer gar nichts mehr funktionieren würde.

Vielleicht 15 Minuten stehen, sitzen und reden wir. Die Blicke schweifen über die Kleiderberge. Wir bitten alle Dolmetscher und Personen, die womöglich einfach nur so Warnwesten tragen, den Raum zu verlassen, damit wir Ordnung machen können.

Dreckige Unterwäsche

Ich krieche unter den Biertischen herum und sammle runtergefallene Kleidungsstücke auf. Dort eine einzelne Socke, hier ein paar T-Shirts. Ein einzelner Schuh. Hausschlapfen. Als ich wieder „auftauche“, kommen ein paar neue Helfer, fragen, was sie tun sollen. „Ordnung machen, damit die Leute morgen alles finden“, antworte ich ihnen.

Die Männer-Abteilung ist schnell fertig. Die Frauen-Abteilung ist dafür ein Riesen-Chaos. Kleidung liegt überall herum – am Boden, auf dem Tisch, wahllos aufgetürmt und durcheinander. Ich hebe zusammen mit den anderen Helfern alles auf, sortiere ein. Mir kommen einige dreckige, offensichtlich benutzte Unterhosen in die Hände. Ob die so gespendet wurden oder die Asylwerberinnen sich und ihre Kinder einfach vor Ort umgezogen haben, wissen wir nicht. In Ermangelung von Waschmöglichkeiten werfen wir die dreckigen Unterhosen weg.

Gut, dass ich meine Handschuhe trage.

Kinder

Wenn die Ausgabezeiten vorbei sind, dürfen nur für kleine Kinder Ausnahmen gemacht werden. Ich habe gerade einen Feuerlöscher unter einem Berg Unterhosen und Hauben gefunden, als ein Dolmetscher eine Mutter mit drei Töchtern bringt. Das älteste Mädchen hat Pusteln am ganzen Körper und war gerade beim Arzt. Sie braucht frische Kleidung und frische Bettwäsche. Ich bringe sie zu den Mädels beim Kindergewand, die sich sofort liebevoll um sie kümmern.

Die Schwester des Mädchens mit Ausschlag ist ganz offen dort, wo die Windel sitzt. Ich suche für sie Baby-Wundcreme. Die Mutter beginnt, ihre Tasche mit Kindergewand zu füllen. Sie muss nämlich morgen ins Krankenhaus, sagt sie. Ich versuche ihr klar zu machen, dass sie nicht alles mitnehmen kann, nur zwei Stücke. Sie nickt und lächelt. „Thank you, thank you“.

Ein Helfer findet unterdessen in einem Sackerl voller Spenden neben unzähligen Zigaretten auch Medikamente. Ich bringe sie zur Ambulanz, gehe dabei am Infopoint vorbei und hole mir eine Ladung Desinfektionsmittel ab. Fast bis zu den Achseln hinauf reibe ich mich damit ein.

Noch ein Bus

Es ist finster draußen und ich bin müde. Nach dem letzten Ausflug in die Schwarzlhalle bin ich krank geworden, hatte Halsweh, Schnupfen und Husten. Ich beschließe, langsam mal nach Hause aufzubrechen und will Kathi eine SMS schreiben. Sie ist mittlerweile in der Essensausgabe und hilft dort. Dann kommt die Durchsage: „Gerade ist noch ein Bus gekommen. 30 Leute. Wir brauchen 30 überzogene Pölster und 30 überzogene Decken!“

Pölster und Decken liegen übereinander gestapelt an der Wand neben dem Eingang. Ich suchen unter den Tischen mit Kinderkleidung nach Bettüberzügen und wer Zeit hat, hilft beim Überziehen des Bettzeugs.

Ich hasse Bettzeug überziehen. Aber es muss getan werden. Die vielen Hände haben innerhalb kürzester Zeit die 30 Pölster überzogen, die Decken dauern länger, weil immer wieder jemand am Boden kriechend nach Überzügen suchen muss. Aber wir finden alles. Bettwäsche mit Pinguinen drauf, mit chinesischen Schriftzeichen, Punkten und Blumen. Es ist ein herrlich bunter Haufen, der durch die Nacht zu den Schlafstellen gebracht wird.

Ein Igel in der Kleiderausgabe

Die Helfer, die jetzt noch da sind, sind erschöpft, aber gut drauf. Zwischen Damen- und Kinderkleidungshaufen werden Kleidungsstücke hin und her geworfen, die falsch einsortiert wurden. Babyhandschuhe und -hauben fliegen herum und finden den Weg in die richtige Kiste, es wird gelacht und gescherzt. Ordnung kehrt ein.

Dann kommen wieder zwei kleine Mädchen mit langen, geflochtenen, dunklen Haaren, diesmal ohne Begleitung. Die eine zeigt, dass sie eine Hose braucht, ihre Schwester eine Jacke. Wieder bringe ich sie zu den Mädels in der „Kinderabteilung“. Eine Helferin spricht ein wenig Arabisch, versteht aber nicht genau, was die Mädchen noch wollen. Eine Tasche vielleicht? Die Kleine bekommt einen Koala-Rucksack und ist unglaublich glücklich darüber, will ihn gar nicht mehr loslassen.

„Schaut mal!“ Einer der Helfer kommt mit einer Kartonschachtel. Darin: Ein Igel. „Der war hier drin?“, fragen wir anderen erstaunt. Nicken. Ein Igel in der Kleiderausgabe. Die zwei Mädchen schauen mit offenem Mund in die Schachtel. Die Größere will hingreifen, wir rufen unisono „nicht!“ und sie zieht ihre Hand schnell weg.

Ich weiß gar nicht, ob es Igel in Syrien gibt.

Genug

Das Innenchefin-Malerkrepp-Schild wandert weiter. Barbara war schon oft hier, kennt sich gut aus. Sie weigert sich auch nicht gegen den Titel, grinst mit mir, als ihr erzähle, wie ich dazu gekommen bin. Ich schreibe Kathi, verabschiede mich vom Helfer-Team. „Bis bald wieder?“ – „Ganz sicher!“

Ich gehe an den Toiletten vorbei durch die Halle zum Infopoint. Im Vergleich zu vorletzter Woche riecht es bedeutend weniger streng. Auch die Betten sind weniger eng gestellt. Immer noch laufen viele Kinder herum. Andere schlafen schon. Es ist 21:50 Uhr und ich trage mich aus, gebe die Samariterbund-Warnweste zurück. Kathi treffe ich draußen bei den Duschen. Wir verlassen das Gelände, fix und fertig.

Unterdessen ist auch eine SMS vom Roten Kreuz für Mitglieder des Team Österreich gekommen. In der Euroshopping-Halle und in Feldkirchen kommen weiterhin Flüchtlinge auf der Durchreise an. Helfer werden auch hier dringend gesucht.