In der Schwarzl-Halle

Am Dienstag war ich mit @Kathii1908 und @softwarebaer und vielen, vielen anderen freiwilligen Helfern im Schwarzl-Freizeitzentrum um bei der Betreuung der Flüchtlinge auszuhelfen. Der unglaublich gut organisierte Samariterbund hat die Aktivitäten dort betreut. Hier möchte ich euch erzählen, wie der Tag verlaufen ist:

Der erste Eindruck

„Sachspenden ganz hinten links!“, sagt man uns am Eingang zum Gelände. Wir tragen eine Box mit Decken und Hemden und einen Korb voller Medikamente, Hygienekleinigkeiten und Babynahrung „nach hinten links“, wo ein verschwitzter Mann mit Brille „ma super, danke!“ sagt.

Wir sortieren Hygieneartikel in ein Sackerl, Babynahrung in ein anderes. Kleidung und Decken werden zur Sortierung in das Zelt neben der Schwarzl-Halle gebracht. „Was ist mit den Medikamenten?“, frage ich. Alle meine Seractil-, Mexalen- und Aspirin-Packerl hab ich dabei, weil ich sie ohnehin nicht brauche (hoffentlich auch zukünftig nicht). „Zurück zur Freiwilligenregistrierung, dort fragen.“ Wir gehen hin. Das ist der erste Blick in die Halle: Hunderte Feldbetten stehen dicht nebeneinander. Sie sind vielleicht 15 Zentimeter hoch und dunkelgrün. Auf jedem Bett liegen zwei Decken. Es sind einige Flüchtlinge da, aber nicht so viele, wie ich erwartet hatte. Aber die Busse kommen im Laufe des Nachmittag nacheinander an. Wir erleben insgesamt drei oder vier, die vor der Halle stehen bleiben und Menschen ins Lager bringen.

Unterwäsche

Unsere Medikamente dürfen wir in den Ambulanzbereich bringen. Dort ist eine junge Mutter mit ihrem Baby, sie spricht mit einem Arzt. Ihr Baby hat Fieber, höre ich den Arzt zum Dolmetscher sagen. Die Stimme der Mutter ist ganz hoch und sie spricht sehr schnell. Wir liefern die Medis ab und gehen wieder. Es sind schon viele Helfer da, also fragen wir, was noch gebraucht wird und nutzen Twitter, um nach aktuellen Infos zu suchen. Unterhosen und Unterhemden werden dringend benötigt – nämlich neu und nicht gebraucht. Also steigen wir wieder ins Auto und fahren nach Seiersberg, um H&M und C&A zu „plündern“. Mit vier Säcken voller Unterwäsche verlassen wir das Einkaufszentrum wieder, fahren zurück zum Schwarzl-Freizeitzentrum und bringen die Kleidung zur Annahmestelle. Es türmen sich Berge von Säcken, Kisten und Umzugskartons dort. Die Menschen sind unglaublich hilfsbereit.

Noch einmal gehen wir zur Freiwilligenregistrierung. Sie brauchen Leute in der Essensausgabe, sagt man uns. „Aber es gibt keine Warnwesten mehr.“ Alle Helfer tragen Warnwesten, damit die Flüchtlinge sie erkennen können. Die Dolmetscher haben die von ihnen gesprochenen Sprachen auf die Westen geklebt. Wir holen also meine zwei riesigen ÖAMTC-Warnwesten aus dem Auto. Dabei kommen wir an einer langen Schlange von Menschen vorbei. Sie stehen, sitzen oder liegen für die Dusche an. Irgendwer hat Musik angemacht, Kinder toben und die Stimmung ist weit weniger gedrückt, als ich es erwartet hätte.

Essen für die Flüchtlinge

Wir marschieren zurück in Richtung Restaurant, zwischen den Betten, an spielenden Kindern und schlafenden Erwachsenen vorbei. Die Luft ist mittlerweile drückend geworden in der Halle. Es ist der Dampf und Geruch von 800 Menschen, die nach langer Wanderung ihre Schuhe ausziehen und Gewand wechseln. Und wahrscheinlich nur wenig Waschmöglichkeiten hatten in den vergangenen Tagen und Wochen. Heiß ist es auch. Im Restaurant ist zum Glück eine Tür offen, sodass ein wenig Frischluft reinkommt. Wir fragen, was wir tun können. Sortieren, ausgeben, aufräumen, Kaffee kochen, Babynahrung zubereiten. Das warme Essen wird vom Küchenteam des Restaurants mitbetreut. Der Chef ist dank Mütze und blauem T-Shirt schnell zu erkennen, wahnsinnig hilfsbereit und führt einen ordentlichen Schmäh. Wir sind auf der Snack-Seite. Bei uns gibt es Obst, Kekse, Salziges, Säfte, Kaffee und natürlich Babynahrung.

Die Damen, die vor uns die Essensausgabe gemacht haben, sind irgendwie erleichtert über Ablöse, auch wenn sie sich schwer losreißen können. Das werde ich später am Abend auch noch merken. Jedenfalls sind sie dann irgendwann weg, wir sind mehr oder weniger alleine mit den Flüchtlingen und den Unmengen an Essen. Man kommt schnell rein in die Arbeit: „Mus“ sagen die Kinder, wenn sie eine Banane möchten. Manche sagen auch „Banana“. Ein paar können schon „Kinder Schokolade“ sagen. Andere Kinder brabbeln etwas daher, was wir nicht verstehen. Von den Erwachsenen lernen wir, was Thunfisch heißt und Saft, aber oft ist Kommunikation mit Händen und Füßen angesagt. Und es funktioniert (meistens). Zum Glück kommt im Laufe des Nachmittags ein syrisches Ehepaar zu uns, auch mit Warnweste bekleidet und bereit, mitzuhelfen. Sie sind ebenfalls Flüchtlinge, können aber so gut Englisch, dass sie uns unterstützen, wenn wir mal nicht verstehen, was die Leute gerne hätten. Das ist vor allem dann super, wenn eine junge Mutter mit ihrem Kleinkind kommt und Babynahrung braucht. Was „Wie alt ist dein Kind?“ auf Arabisch oder Farsi heißt, weiß ich beim besten Willen nicht.

Allerdings: Die meisten Männer und Frauen, die zu uns kommen, können Englisch. Sie fragen nach „milk“ für den „coffee“ und ob die schmalen, länglichen Päckchen neben dem Kaffee „sugar“ sind. Manche fragen mich, wie ich heiße und woher ich komme. Fast alle bedanken sich. Einige nicken und lächeln. Manche kommen nur stumm und gehen wieder stumm, ohne ein Wort zu sagen oder uns auch nur anzuschauen. Mit ein paar tauschen wir Wörter aus – was heißt Milch auf Arabisch, Kurdisch, Farsi. Oder Danke. Wir kochen einiges an Babynahrung (wieder was gelernt) und finden heraus, dass die hunderten Hipp-Babybrei-Gläschen überhaupt nicht angenommen werden – die Flüchtlinge kennen das einfach nicht. Soletti und Thunfisch-Dosen sind der Renner, aber es gibt nicht viel davon. Viele fragen nach Zigaretten. Es gibt Packerl zu kaufen, beim Wasser, für 6 €. Irgendwann finde ich das raus und kann die Leute weiterleiten.

Müll ist unvermeidlich

Die Stunden vergehen. Irgendwann muss auch die Frau heim, die bei den Bierbänken, auf denen die Flüchtlinge sitzen, sauber gemacht hat. Ich übernehme ihren Part, hole mir einen großen, grauen Müllsack und fange an, das benützte Plastikgeschirr, die angebissenen Semmeln und aufgerissenen Verpackungen von den Biergarnituren zu klauben. Es ist wie am Zeltfest: Manche räumen ihren Dreck weg, andere nicht. Aber fast alle, die mich rumschusseln sehen, beginnen sofort, mir zu helfen. Die Kinder sind am lustigsten. Jedes Mal, wenn sie was in meinen Müllsack werfen, sage ich brav „Schukran“ (Danke) und das taugt ihnen. Bald holen sie den Müll von was-weiß-ich-woher, werfen ihn in meinen Sack und holen sich ein „Schukran“ ab und grinsen. Wahrscheinlich ist meine Aussprache für sie ganz schön komisch. Ein paar junge Männer fragen mich, ob ich Hilfe beim Tragen brauche. Ich lächle und verneine dankend, bin ja emanzipiert. Später beginnen ein paar Flüchtlinge selbst, sich Handschuhe zu holen und den Müll der anderen wegzuräumen.

Später, als der größte Andrang nachgelassen hat, beginnen wir damit, die vielen Lebensmittelspenden zu sortieren: In Getränke, Süßes, Salziges, Brot, Babynahrung gestaffelt nach Alter, Dinge, die man noch kochen muss und Dinge, die eingekühlt werden müssen. Es ist so viel da, es ist ein Wahnsinn.

Zwischendurch borge ich einem Flüchtling mein Handy, er muss irgendwen anrufen. Ich bleibe stehen und beobachte, während seine Frau ihm deutet, ja nicht zu weit weg zu gehen, als wäre es ihr peinlich, dass er sich jetzt mein Handy geschnappt hat um zu telefonieren. Es ist eine seltsame Situation, aber dann ruft schon wieder jemand, dass der Kaffee aus ist und ich bin weg, Wasser aus der Küche holen. Das Handy hab ich kurz danach wieder in meinen Händen, mit einem ganz herzlichen „thank you“ dazu.

Helfen ist anstrengend

Langsam kommt dann die Erschöpfung. Das Hin- und Herlaufen, die Verständigungsversuche, das Schleppen von Kisten, Wasser und Müllsäcken und dazu kein Abendessen (gab es zwar, ich war aber vor lauter Aufregung überhaupt nicht hungrig) zeigen bald Wirkung. Ich beginne zu stolpern und bin teilweise in der Kommunikation leicht verwirrt. Ein Mann kommt zu mir, hätte gerne „kek“. Ich zeige ihm ca. 10 Dinge aus den Essensarsenal, bis ich kapiere, dass er „cake“ gesagt hat – also etwas von dem süßen Germteig-Zopf, den jemand gespendet hat.

Es ist mittlerweile etwa 20:00 Uhr. Der Küchenchef sagt, wir sollen langsam wegräumen und aufräumen, denn um 22:00 Uhr sperrt die Essensausgabe zu. Der Kaffee ist schon fast leer und auch das Teewasser nicht mehr heiß. Der Zucker ist aus. Wenn die Leute danach fragen, kann ich nur sagen: „Sorry, sugar is finished“. Von normalem Englisch hab ich mich schon verabschiedet, „finished“ versteht jeder als „es gibt davon nichts mehr“. Ein älterer Herr mit einem kleinen Kind am Arm fragt mich, ob ich Milch warm machen könnte. Ich kann es leider nicht, biete ihm aber an, für den Kleinen auf seinem Arm eine Babynahrung anzurühren. Nein, er hätte gerne warme Milch für sich, weil er das von daheim so kennt. „But if it doesn’t work, no problem“, sagt er. Ich schaue mich nach einer Mikrowelle um, finde keine. „No problem, no problem“, sagt er und bringt mir bei, wie man auf Arabisch „etwas ist aus“ sagt. Wir lachen, weil der kleine Bub auf seinem Arm diesen Ausdruck scheinbar gar nicht mag.

Helfen im Flüchtlingslager Schwarzl-HalleDie Theke und die Tische werden abgewischt, das Essen verstaut. Es ist kurz vor 22:00 Uhr, wir sind k.o. – dabei waren wir nur etwa 8 Stunden unterwegs, was wenig ist im Vergleich zur Einsatzzeit manch anderer Helfer vor Ort. Wir machen noch ein Abschlussbild mit den beiden Syrern, die uns so tatkräftigt beim Dolmetschen unterstützt haben und auch selbst Essen und Getränke ausgegeben haben.

Ich gebe dem Ehepaar meine Handynummer, falls sie etwas brauchen. Sie wollen weiter nach Deutschland oder Schweden, dort haben sie Verwandte, sagen sie. Wir wünschen ihnen alles Gute.

Der Weg zurück

Auf dem Weg durch die Halle fragt uns noch ein Mann, ob wir ihm helfen, können, er habe kein Bett. Wir nehmen ihn zur Freiwilligenregistrierung mit und fragen einen jungen Mann vom Samariterbund. Er ist verwirrt, weil es doch genug Betten geben sollte, beginnt aber dann einen Rundruf an seine Kollegen. Wir können jetzt nichts mehr tun und verabschieden uns von ihm. In der langen, langen Liste der registrierten Freiwilligen tragen wir uns aus und verlassen das Gebäude. Immer noch spielen Kinder und Jugendliche draußen mit Bällen. Irgendjemand hat mit Straßenkreide den Asphalt bunt bemalt.

Mein Körper ist total erschöpft, aber mein Geist verarbeitet den Tag – lang bis in die Nacht hinein wälze ich mich im Bett herum und finde nur schlecht Schlaf. Trotzdem sind wir – alle drei von uns Erstlingshelfern – entschlossen, bei Bedarf wieder Zeit zu spenden. Wenn wir schon sonst nichts tun können, dann wenigstens das. Denn wir haben schon verdammt viel Glück, dass wir in einem sicheren Land geboren wurden, ein Bett und ein Bad haben und die Privatsphäre der eigenen vier Wände genießen dürfen.