Sehr, gut, befriedigend, genügend, nicht genügend.

Noten. Nein, nicht die aus der Musik. Ich meine die aus der Schule, aus dem Studium, aus den Stiftung Warentests dieser Welt. Nach 13 Schuljahren und 4 Studiumsjahren habe ich das Ungetüm „Benotung“ eine Zeit lang hinter mir gelassen. Jetzt bin ich im Content-Strategie-Studium wieder damit konfrontiert. Ganz im Sinne des Denkariums will ich meine Gedanken mit euch teilen.

Noten machen nur Spaß, wenn sie gut sind

Ich hab immer schon das Glück gehabt, dass ich mir Dinge leicht gemerkt habe. Vor allem, wenn sie mich interessiert haben – dann ging das ruckzuck. Ich liebe es, neue Dinge zu lernen. Dementsprechend hab ich mich immer sehr guter Noten erfreuen können. Dann das Lob von Mama, Papa, Oma… Noten waren für mich gerade in der Schulzeit der einfachste Weg, zu Anerkennung zu gelangen. Weil ich so brav bin und so viel leiste, hab ich eine gute Note. Jippieh!

Aber was ist mit Kindern, die sich nicht so leicht tun?

Nimm das, du Freude am Lernen!

Als ich noch in der Volksschule in der ersten Klasse war, gab’s kein Zeugnis, sondern einen Brief an die Eltern. Darin standen Dinge wie „Isabel kann schon sehr schön schreiben.“ oder „Isabel ist im Umgang mit anderen Kindern stets freundlich“ oder so. Mehr ein Arbeitszeugnis als ein Schulzeugnis mit Noten, und das finde ich auch gut. Denn darin kann man Stärken aufzählen und Schwächen festhalten, die eine simple Note nicht ausdrücken kann. Feedback geben statt Stempel aufdrücken. Ist man dann nicht eher erpicht, weiter zu lernen? Keine Ahnung, ich kann’s mir aber vorstellen.

Eine Zahl ist nicht genug

Wieso kann nicht in meinem Maturazeugnis stehen „Isabel hat die Geschichte-Prüfung sowohl inhaltlich als auch in ihrer Art und Weise des Präsentierens sehr gut gemeistert.“ oder „In der BWL-Rechnungswesen-Prüfung hat Isabel ein paar Schlampigkeitsfehler eingebaut, hat aber die Aufgabe verstanden und trotzdem erledigt“ oder whatever. Das ist eine brauchbare Rückmeldung für mich und bringt eventuell an meinen Leistungen Interessierten auch mehr als ein sehr gut oder befriedigend.

Es geht mir ja auch bei Hotel- oder Buchempfehlungen auch nicht anders: Wenn nur Sternchen ohne Kommentar vergeben werden, interessiert mich das wenig. Ich will qualitative Informationen – wie schmeckt das Essen, wie freundlich war das Personal, wie kreativ die Kundenbetreuung? Oder wie gut war der Bucheinband, wie leicht lesbar ist ein Buch? Es kann ja auch der Inhalt eines Buches toll, aber die Qualität der Paperback-Bindung grottig sein, sodass ich lieber ein Hardcover kaufe. Aber woher soll ich das bei einer Benotung mit „4 von 5 Sternen“ wissen?

Aber klar: Eine solche ausführliche Beschreibung kostet mehr Zeit als eine einfache Zahl als Bewertung zu bestimmen.

Noten im Content-Strategie-Studium

Aktuelles Beispiel: Die Noten des ersten Semesters im Content-Strategie-Studium. Die meisten Noten sind für sich allein gestellt eher rätselhaft. Wenn schon eine Abstufung geschieht, sollte dann nicht zumindest ersichtlich sein, warum? Was bringt mir eine Note ohne Kommentar? Wobei wir mittlerweile immerhin Rückmeldung bekommen habe, was auf die Benotung Einfluss hatte.

Beispiel Nummer zwei: Was ich hier unter der Kategorie „COS“ verfasse, ist Benotungsgrundlage für eine Lehrveranstaltung. Jutta Pauschenwein, die dafür zuständig ist, hat in ihrem Blog über Portfolios allgemein und die COS-Portfolios im Speziellen geschrieben und auch über die Problematik der Benotung. Ich finde ja, dass man so etwas Individuelles kaum benoten kann – schon gar nicht, wenn es so gut wie keine stilistischen/inhaltlichen Vorgaben gibt. Wie kann man eine Reflexion bewerten? Sie ist etwas Persönliches. Jedenfalls will Jutta die Benotung anhand eines Kriterienkatalogs und Diskussionen mit den Studierenden bewerkstelligen. Das halte ich für einen guten Ansatz: So bekommen die Studierenden ein qualitativ sinnvolleres Feedback als „1“, „2“, „3“, „4“ oder „5“.

What’s in a grade?

Endlich diplomiert!Ich würde gerne mal eine Umfrage unter Arbeitgebern machen: Wie wichtig sind die Noten auf einem Maturazeugnis? Gleichzeitig frage ich mich immer wieder: Wie wichtig/wurscht ist mir persönlich eine Note? Ich will das Meiste aus den Lehrveranstaltungen rausholen – das Meiste für mich. Und das kann heißen, dass mir manche Lehrveranstaltungen ganz einfach nicht so wichtig sind. Und das heißt wiederum: Positiv sein mit möglichst wenig Aufwand.

Was nicht heißen soll, dass ich mich nicht über eine gute Note freue. Ich möchte im Studium und allen anderen Bereichen des Lebens sehr gute Arbeit leisten. Nur mach ich das nicht für Noten. Sondern für mich, meine Freunde, Familie, meinen Partner und meinen Arbeitgeber.

Und auch mit „schlechten“ Noten kann man gute Jobs bekommen. Weil Noten eigentlich nichts aussagen, weil Sie die Komplexität eines Menschen, seiner Persönlichkeit und seiner Kompetenzen nicht erfassen können. Ich kenne genug Leute, die ohne Matura mit ausgezeichnetem Erfolg und Mag. (FH) mit gutem Erfolg und Wirbelsäulentrainer-Ausbildung mit sehr gutem Erfolg mehr verdienen als ich.

Glücklich bin ich trotzdem 🙂