Hochzeit 2.0 – Brautkleid made in China (ohne Zwischenhändler)

Ich hatte vor kurzem die große Freude, zum ersten Mal in ein Brautkleid zu schlüpfen. Meine Erfahrung damit: Kleid! Überall Kleid! Schwer! Atmen! Schwitz! Kleid! So ungefähr kann man sich das vorstellen. Dabei hatte ich nicht mal eines der (wie ich sie liebevoll nenne) Tüllmonster mit Reifrock und Trallalla an, sondern ein Kleid in sanfter A-Linie. Na wie dem auch sei: Beim Preis kommt man gleich nochmals in Schwitzen: 1.200 EUR sollte der Traum aus Spitze und Satin kosten. Aber… im Internet gibt’s das doch viel billiger?

Es scheint derzeit ein ganz großer Trend zu sein, Brautkleider im China direkt beim Hersteller anfertigen zu lassen. Das funktioniert so, dass man sich entweder eines der bestehenden Modelle aussucht, Maße hinschickt und dann das Ergebnis zugeschickt bekommt oder sogar ein Bild des Traumkleids hinschickt inklusive Bemaßung und Extrawünschen. Und das dann zu einem vergleichsweise echt günstigen Preis von 200 bis 500 EUR. Eigentlich ein Wahnsinn! Die Hälfte oder gar nur ein Drittel von dem, was das Kleid bei uns von der Stange kostet gibt es in China maßgeschneidert.

Das ist bei begrenzten Budgets natürlich verlockend. Aber trotzdem kann ich mich mit dem Gedanken nicht ganz anfreunden. Warum?

Weil mich dieses Angebot direkt mit der Wahrheit konfrontiert.

Dass die meiste Kleidung, die es bei uns zu kaufen gibt, so billig produziert wird und dabei übelste Bedingungen herrschen, weiß so gut wie jeder. Doch man verdrängt diese traurige Wahrheit sehr gerne, weil man ja eine hübsche Marke präsentiert bekommt, ein hippes Geschäft mit jungen, gut aussehenden und freundlichen Verkäufern. Und man kann sich immer einreden, dass von dem 20-EUR-Top ja doch irgendwie die produzierenden Menschen leben können.

Jedenfalls fehlt dieser Zwischenschritt, wenn man direkt beim Hersteller bestellt. Ein 200-EUR-Brautkleid – maßgeschneidert natürlich – zeigt einem dann auf, für wie wenig Geld diese chinesischen Schneiderinnen arbeiten. Da regt sich mein Gutmenschen-Sinn und ich weiß echt nicht, ob ich das unterstützen will, vor allem, wenn doch eine große Firma dahinter steht.

Dann lieber doch ein maßgeschneidertes Kleid von einer österreichischen Schneiderei? Nur: Bring mal die 2000+ EUR auf, um sowas machen zu lassen. 2000 EUR und mehr halte ich definitiv für angebracht (nachdem ich selbst auch nähe, weiß ich, wie viel Zeit da rein geht), aber sich das leisten zu können, ist nun auch nicht wirklich leicht. Zwickmühle, Zwickmühle…

Gibt es einen Mittelweg?

Mal schauen. In zwei Wochen bin ich bei meinem Vater in der Türkei und werde dort mal nach einem Brautkleid suchen. Dann bei den Brautkleidern, die ich schon in Österreich probiert habe, stand im Etikett stets „Made in Turkey“. Vielleicht finden wir dort eine Schneiderin, die ein schönes Brautkleid schneidern kann – aber genug dabei verdient und ich gleichzeitig nicht tausende Euros (bzw. Lira) zahle?

Dilemma, Dilemma. Ich merke schon: Hochzeit = Denkfalten.